LESEPROBE

Von Schwaben und Schweizern
Von Schwaben und Schweizern ›Glück gehabt‹, denke ich mir, als ich meinen alten Opel Manta – was sonst? ‒ in die letzte Parklücke der kurzen Seitenstraße manövriere, die meinem Frisiersalon am nächsten liegt. Kaum zu glauben, aber selbst in einem schwäbischen Provinzkaff wie dem unseren werden die Parkplätze knapp, zumindest die kostenlosen. Denn der Kleinstadtschwabe an sich geht erstens nur äußerst ungern mehr als zwanzig Schritte zu Fuß, und zweitens will er auf keinen Fall für einen Parkplatz bezahlen. ›Hallo, gehtʾs noch?‹, denkt er sich da und verfährt die Parkgebühren lieber sinnlos und dreifach auf der verzweifelten Suche nach einer kostenlosen Lücke, bevor er die fünfzig Cent pro Stunde der Gemeinde in ihren gefräßigen Rachen wirft. Ich schicke diese Kurzbeschreibung des schwäbischen Kleinstädters nicht aus Jux und Dollerei vorweg, nein, ich habe meine Gründe dafür. Denn ich bin Inhaber eines Frisiersalons der gehobenen Art, was in dieser Gegend Deutschlands ‒ für ihre Sparsamkeit weit über die Landesgrenzen hinaus berühmt ‒ schon ein gewisses Risiko darstellt. Und obwohl ich gut und gern hier lebe, gibt es durchaus Tage, an denen ich mich selbst dafür verfluche, ausgerechnet in dieser Gegend meine Zelte aufgeschlagen zu haben. Einer dieser Tage wie etwa der Samstag vor drei Wochen. Ein traumhaft schöner, sonniger Tag, der genauso anfängt, wie ich es liebe: Nachdem ich den Manta abgestellt habe, gehe ich, wie so oft, noch beim Italiener vorbei und genehmige mir einen Espresso. ›Das Leben ist herrlich‹, denke ich mir, als der Duft des Kaffees in meine Nase steigt. Zugegeben, bei Giovanni wird der Espresso mit Gold aufgewogen, aber hey! Wir leben schließlich nur einmal! Wenn schon Espresso, dann nur den allerbesten in der Stadt! »Du verdienst viel Geld und gibst alles aus!«, sagen die Leute oft zu mir. »Na und«, antworte ich dann, »ist ja mein Geld!« Der Lebensstil der Italiener liegt mir um Meilen näher als derjenige der Schwaben. ›Verkehrte Welt‹, denke ich oft. ›Wir Schwaben haben das große Geld, aber wirklich genussvoll ausgeben können es nur die armen Italiener.‹ Gemächlich schlendere ich noch bei meinem griechischen Gemüsehändler vorbei, wo ich einige Blätter von einem prachtvollen Salatkopf pflücke, während ich mit Alexandros ein paar Takte plaudere. Alexandros kennt mich schon ziemlich lange und ist tierlieb genug, um meiner Ladenschildkröte Harriet ihr allmorgendliches Frühstück von ganzem Herzen zu gönnen. Pünktlich um neun schließe ich den Laden auf, fahre die Markisen aus und gehe zur rückwärtigen Terrasse, wo Harriet schon mit vorgerecktem Hals auf ihre Mahlzeit wartet. »Guten Morgen, meine Liebe. Wie war die Nacht?«, begrüße ich sie und halte ihr ein Salatblatt hin. Harriet sagt – wie meistens – nicht viel, schnappt sich ihr Frühstück und verzieht sich damit in ihr sandiges Revier, das ich ihr zwischen diversen schattenspendenden Kübelpflanzen eingerichtet habe. Harriet ist mein Mantra, mein Stein der Weisen und meine Zuflucht, meine Trösterin in höchster Not, wenn mir schwierige Kunden mal wieder allzu sehr zusetzen. Als ich mich umdrehe, steht auch schon ein Exemplar dieser Gattung bei mir im Laden. Keine Ahnung warum, aber irgendwie kann ich schwierige Kundschaft förmlich riechen, noch bevor diese überhaupt den Mund aufgemacht hat. Die Frau, die vor mir steht, ist groß, bestimmt eins achtzig, jedenfalls überragt sie mich um einige Zentimeter. Sie hat dunkle lange Haare und ist etwas farblos gekleidet, nicht wirklich schick. »Ich habe einen Termin um neun Uhr«, sagt die Frau mit einem schweizerdeutschen Akzent und wirft einen kritischen Blick auf ihre Uhr. Stimmt. Ist bestimmt schon fünf nach neun. Und es geht um eine Hochzeit, erinnere ich mich. Von Mai bis Oktober, manchmal auch schon ab Februar, haben wir jedes Wochenende ein oder zwei Bräute, die wir frisieren, hochstecken und mit einem tollen Make-up versehen. Unser Hochzeits-Special sieht folgendermaßen aus: Wir machen einen Probetermin für die Frisur und das Make-up, was 130 Euro kostet. Dann gibt es den zweiten Termin morgens von neun bis elf Uhr, und der kostet ebenfalls 130 Euro. Insgesamt also 260 Euro für das perfekte Styling am Hochzeitstag. Normalerweise törnt mich dieser süße schweizerische Dialekt richtig an, nicht so jedoch bei dieser Lady, die mir vom ersten Moment an unsympatisch ist. Ich führe die Schweizerin in den zweiten Stock, wo wir immer die Bräute Platz nehmen lassen. Dort können wir entspannt arbeiten, da wir bei Hochsteckfrisuren sehr viel mit Haarspray arbeiten und andere Kunden nicht damit belästigen wollen. Und samstags gibt es Frühstück, das heißt Croissant, Cappuccino und dazu ein Mineralwasser auf einem silbernen Tablett. Gerne zaubern wir mit dieser Geste unseren Hochzeitskandidatinnen ein Lächeln ins Gesicht. Wir lächeln, sie lächeln, wir alle lächeln. Warum auch nicht? Lächeln kostet ja nichts, und unsere Kundinnen sind dann gleich viel entspannter. Es ist wichtig, den Kunden das Gefühl zu geben, dass sie Prinzessinnen und Könige sind. So ist es auch diesmal. Ich begrüße die Kundin wie eine Prinzessin mit einem Lächeln und frage, was ich Schönes für sie tun könne. Die Lady meint, sie heirate ja in vierzehn Tagen. Da hätte sie auch schon einen Termin bei uns ausgemacht. Das ist schon mal sehr gut, sage ich, denn wenn man den Probetermin macht, ist es nur vernünftig, auch gleich den Hochzeitstermin auszumachen. Ich führe die Kundin zu einem Stuhl und fange schon an, ihr Vorschläge zu machen, als sie mich plötzlich unterbricht. Sie wolle nochmal nachfragen, was denn der Preis von dem heutigen, also von dem Probetermin, sei. Ich erkläre ihr, dass der Probetermin 130 Euro und der Hochzeittermin ebenfalls 130 Euro kostet. »Zwaihundrtsächzg Euro???!!!«, schreit die Lady ganz empört, und der Schweizer Dialekt, den ich ansonsten immer so süß finde, wird mit einem Mal zu einem spitzen Wurfgeschoss, das sich schmerzhaft durch mein Trommelfell bohrt. Ich nicke. »Um Gotts willa, so viel Geld! Dös därf doch wohl nit siii!« Ich weiß nicht, was ich darauf sagen soll, also entscheide ich mich, darauf nichts zu sagen. »Findet Sie nöt, dass 130 Euro pro Sitzung maßlos übrzogga sind?«, hakt sie bissig nach. Ich atme einmal ganz tief durch, denke an Harriet, wie sie gerade hingebungsvoll ihr Salatblatt verspeist und erkläre der Schweizer Kundin freundlich und professionell, dass es wohl selbstverständlich sei, dass man pro Sitzung 130 Euro bezahle und nicht für beide. »Wenn man ins Restaurant geht«, sage ich, »zahlt man ja auch den vollen Preis. Geht man zweimal hin, zahlt man zweimal den vollen Preis.« Ich halte den Vergleich für ziemlich plausibel, und in den meisten Fällen kann ich meine Kundinnen von diesem Arrangement überzeugen. Nicht so jedoch in diesem Fall. Die Frau will es einfach nicht wahrhaben und fängt plötzlich an zu weinen. Ich weiß gar nicht, wie mir geschieht, aber ein Unmensch bin ich nun wirklich nicht. Und so denke ich über die Möglichkeit nach, ihr für die Probesitzung einen großzügigen Rabatt einzuräumen. Da beginnt die Frau hysterisch zu kreischen. »Das isch Betrug! Das isch Betrug! Was Sie hier machet, isch kriminell, das isch ein ganz krimineller Laden hier. Ich werd Sie bei der Polizei verzeige, ja, verzeige werd ich Sie!« Die Lust auf eine gütliche Einigung ist mir nach dieser Tirade allerdings vergangen, und so versuche ich zu schlichten, indem ich ihr ganz pragmatisch sage: »Ihre Hochzeit, liebes Fräulein, kostet Tausende von Euros, die professionelle Frisur – die ich Ihnen übrigens garantiere – kostet 260 Euro. Die Hochzeit findet in vierzehn Tage statt. Ich würde Ihnen empfehlen, sich zu entspannen, die 260 Euro für die beiden Termine zu bezahlen und ganz einfach und mit viel Spaß all das zu genießen, was wir Ihnen zu bieten haben. Die Vorbereitung und die Hochzeit.« Ich schiebe ihr das Silbertablett mit dem Frühstück zu, das Lydia, mein lesbischer Azubi, mittlerweile hochgebracht hat und ermuntere sie, erst einmal in aller Ruhe zu frühstücken. Mit großem Appetit verputzt die Schweizerin das Croissant und den Cappuccino und stimmt meinem Vorschlag schließlich zu. Kaum habe ich angefangen, ihre Haare zu frisieren, da explodiert sie erneut: »Was machet Sie da, was machet Sie mit meine Haar, gopverdamm, was machet Sie da?! Was?! Die gönnt ja total kaputt, meine Haar gönnt total kaputt, sähet Sie des nöt?!« Wie ein Känguru springt sie auf und sagt, das sei wohl das Letzte, was hier passiere, sie werde mich auf alle Fälle anzeigen. Ich bringe die Frau zur Tür, halte ihr diese auf und wünsche ihr noch einen schönen Tag. Als sie draußen ist, kommt Lydia zu mir, fingert etwas verlegen an ihrem Lippenpiercing herum und flüstert mir mit verschwörerischer Stimme zu: »Das ist übrigens die Zukünftige des Zahnarztes, der hier ums Eck seine Praxis hat.« Spätestens nach diesem Erlebnis wird es höchste Zeit, Abbitte zu leisten bei meiner schwäbischen Kundschaft, die sich vielleicht in Sachen Lebenskunst nicht ganz mit den Italienern messen kann, aber doch weitaus sinnenfreudiger und auch spendabler ist, als man dem schwäbischen Volk im Allgemeinen nachsagt. Und wenn sich die Schwaben und Schwäbinnen einmal dazu entschlossen haben, sich so richtig nach Strich und Faden verwöhnen zu lassen, dann lassen sie es tatsächlich auch so richtig krachen, mit allem Drum und Dran.